Friday, November 25, 2005

AUFGABENSTELLUNG FÜR ESSAY (25.11.05)
Funktionalismus:
Welche Hauptfragen und –anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Browns? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

Was haben die beiden Gründerväter der britischen Anthropologie ihren Nachkommen der Kultur- und Sozialanthropologie – also uns – vererbt und inwieweit haben Sie unser Denken beeinflusst?
Nun gilt Bronislaw Malinowski auch als Begründer der ethnographischen Feldforschung – speziell die teilnehmende Beobachtung - als wichtigste Methode um eine Gesellschaft zu untersuchen. Durch seine aufgestellten Theorien und Thesen, vor allem aber durch Erkenntnisse, die er auf seinen Feldforschungen (speziell auf den Trobriand-Inseln) sammeln konnte, hat sich der Funktionalismus gebildet. Sein „Disziplinkollege“ Alfred Reginald Radcliffe-Brown hingegen entwickelte den Strukturfunktionalismus. Ausgehend von der These eines seiner Vorbilder, Jean-Jacques Rousseaus: „Menschen können sehr gut ohne Staat miteinander leben, wenn sie sich an ein paar, einmal geschlossene Vereinbarungen halten.“ untersuchte er australische Stämme und erkannte, dass Gesellschaften eine Gliederung, also eine Struktur aufweisen, dessen einzelne Segmente eine Funktion ausüben. Außerdem lieferte er bemerkenswerte Beiträge über die Gesellschaftstheorie und die Verwandtschaftssysteme, womit er die „Kinship Studies“ in die Disziplin Kultur- und Sozialanthropologie einbrachte.[1/2]
Was genau besagt denn nun der Funktionalismus eines Malinowskis und der Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Browns? Wodurch entstanden diese zwei neuen Richtungen und worin liegen die Unterschiede beziehungsweise die Gemeinsamkeiten?
Um die Entstehung dieser zwei Denkansätze besser verstehen zu können möchte ich die beiden Wissenschafter näher beleuchten. Das ist deshalb wichtig, weil ich der Ansicht bin, dass Erfahrungen eines Menschen mit seiner Umwelt, also wo und in welche Zeit jemand geboren wird, wie die politische Situation aussieht aber auch persönliche Erfahrungen, sein Denken beeinflussen. Jeder Mensch ist einzigartig und deshalb unvergleichbar, dennoch möchte ich die Lebensläufe unserer zwei Begründer der britischen Sozialanthropologie gegenüberstellen.
Alfred Reginald Radcliffe-Brown wird am 17. Jänner 1881 als Alfred Reginald Brown in Birmingham, England geboren. Während seiner Studienzeit in Cambridge gilt er als linksradikaler Anarchist und wird deshalb von Kollegen „Anarchy Brown“ genannt. 1904 macht er seinen Abschluss in Psychologie und Ökonomie.
Bronislaw Kasper Malinowski, Sohn eines bekannten Linguisten, wird am 7. April 1884 in Krakau, Polen geboren, in einer Stadt, die laut Ernest Gellner als „intellektueller Vorort Wiens“ bezeichnet wurde.[1] Erst studiert er Naturwissenschaften, Psychologie und Nationalökonomie in Polen, Österreich und Deutschland. In Leipzig von seinem Lehrer Wilhelm Wundt und dessen Theorie der Folkpsychologie inspiriert, immigriert er nach Großbritannien um an der London School of Economics (LSE) zu studieren. Aber es ist nicht nur Wundt´s Einfluss auf sein Interesse an der Anthropologie, sondern auch James Frazers (ein Folklorist und einer der letzten Schreibtischgelehrten) Werk „The Golden Bough“ und die Erkenntnis, dass er nach dem Zerfall der K.u.K Monarchie und dem daraus entstandenen Phänomen, dass die Menschen der Geschichte ihres Landes große Bedeutung zukommen ließen und sich somit der Nationalgedanke verstärkt hat, hier, als charismatischer Mensch, keine Karriere machen ließe, da für ihn der Nationalismus – welcher einen Idealismus darstellt – keine Wissenschaft ist. [1/2/3/4] Seine Lehrer in der LSE spielen natürlich in seinem weiteren Denken auch eine große Rolle, wie Charles Gabriel Seligman und Edward Westermarck.
R.-B. lässt sich wie oben schon erwähnt, von J. J. Rousseau und vor allem durch seinen Lehrer Émile Durkheim beeinflussen. Der letztere hatte auch Einfluss auf Malinowski. Zu erwähnen wäre hier, dass Durkheim ein überzeugter Evolutionist war, der jedoch durch seine Theorie der Religion, wo er der Funktion einer Religion eine große Bedeutung beimaß, ein Vorläufer des Funktionalismus gilt.
Das zentrale Thema bei Radcliffe-Browns Forschungen war, inwieweit Gesellschaften ohne Zentralinstanz existieren können. So begibt er sich von 1906 bis 1908 auf Forschungsreise zu den Inselbewohnern der Andamanen. Er erkennt eine segmentäre Gesellschaft. So eine Gesamtgesellschaft besteht wie eine geteilte Torte, aus Segmenten, die sich gegenseitig zusammenhalten und das Gegengewicht zueinander darstellen, es entsteht ein Gleichgewicht. Die Gruppen zueinander verhalten sich egalitär, allerdings kann sich innerhalb einer Gruppe bei Konflikten ein Häuptling etablieren, auch zwischen der jungen und alten Generation und zwischen weiblichen und männlichen Mitgliedern der Gruppe bestehen Hierarchien, welche Radcliffe-Brown kaum beachtet. Diese „segmentäre Theorie“ ist dennoch ein zentrales Inventar unseres Faches der Anthropologie. R-B setzt an der These Durkheims an und kommt zum Schluss, dass Gesellschaften, wie gesagt, eine Struktur aufweisen, und die einzelnen Segmente eine funktionelle Wechselwirkung haben. Dies erklärt er in der so genannten „Blattmetapher“[1/2] Sein Werk „The Andaman Islander“ erscheint erst 1922. Eine weitere Forschungsreise führt ihn 1910 zu den Aborigines nach Westaustralien. Radcliffe-Brown führt die gegenwartsbezogene Verwandtschaftsterminologie – die heutigen Kinship Studies – in unser Fach ein. Auch seine zwei Thesen über den Totemismus – „The sociological theory of totemism“ und „The comparative method in social anthropology“ - haben ihre Spuren in der Sozial- und Kulturanthropologie hinterlassen.[1/5a] Ein weiteres wichtiges Buch „The social organization of Australian tribes“ entsteht 1930, sowie gesammelte Essays im Band „Structure and Funktion in Primitive Society“ im Jahre 1952.
Malinowski gilt als Begründer der ethnographischen Feldforschung nicht weil er der erste war – schon Boas, Radcliffe-Brown und andere Wissenschafter haben sich selbst ein Bild von ihrer zu erforschenden Gesellschaft gemacht- sondern weil er bei seiner Arbeit auf den Trobriand-Inseln (Kiriwina), östlich von Neuguinea, sechs Veränderungen gegenüber vorangegangenen Forschungen durchgeführt hat und somit die ethnographische Feldforschung revolutionierte [6a] und die „Amateurethnologen“, wie Missionare und Kolonialbeamte, und die „Lehnstuhlethnologen“ ablöste [6b]. Es war ihm wichtig, selbst in der Gemeinschaft zu leben, den Alltag und deren Institutionen – dessen Funktionen in der Gegenwart eine besonders große Rolle spielen - direkt zu beobachten und um nicht nur bessere und genauere Daten sammeln zu können, sondern auch um die Mentalität der Inselbewohner und deren Kultur von innen heraus verstehen zu können, erlernt er ihre Sprache. Er fokusiert sich nur auf einige wenige Themen und stellt explizite Fragen „Wie ist das Verhältnis von Religion und Magie zur Wirtschaft“. Er entdeckt ein „komplexes Ritualsystem, das das ganze soziale Leben der Trobriander reguliert“ – der Kulahandel.[6c] Die Erbfolge der Insulaner ist matrilinear, somit widerlegt Malinowski die Freud-These des Ödipuskomplexes.[1] Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass er ein Feldforschungstagebuch, sowie ein privates geführt hat. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen u.a. „Argonauts of the Western Pacific“ (1922), „The Sexual Live of Savages in North-Western Melanesia“ (1929) und „Coral Gardens and their Magic“ (1935).
Schließlich sei noch gesagt, dass Bronislaw Malinowski durch seine vielen Feldforschungen als der Empiriker schlechthin gilt, wohingegen sein Kollege Alfred R. Radcliffe-Brown als Theoretiker, allerdings als besserer und mitreißenderer Redner, bekannt ist.[1]
Nun zu den Forschungsrichtungen Funktionalismus und Strukturfunktionalismus. Grundsätzlich kann man bei jeder kulturellen Erscheinungsform nach ihrer Funktion fragen.[6d] Die holistische Theorie des Funktionalismus entstand, als Kritik am Evolutionismus und Diffusionismus, durch die Kombination des geistes- mit dem naturwissenschaftlichen Ansatzes, Stammesgesellschaften in ihren Voraussetzungen zu verstehen und in ihren gesetzmäßigen Funktionszusammenhang zu, somit wurden funktionierende Ganzheiten im „Hier und Jetzt“ untersucht.[1/6e] „Malinowski versuchte kulturelle Erscheinungen auf Grundbedürfnisse (basic need) des Menschen zurückzuführen.“[6f] In dieser Meinung und der Tatsache, dass er bei seinen Forschungen die Vergangenheit der einzelnen Gesellschaften vollkommen außer Acht ließ, wurde er oftmals kritisiert.
„Radcliffe-Brown setzte hingegen nicht beim Individuum an, sondern bei der Gruppe. Der Schwerpunkt seiner Untersuchungen lag auf der Sozialstruktur, daher der Name Strukturfunktionalismus.“[6d] Kritiker werfen ihm vor allem das Nichtbeachten historischer Veränderungen und deren Effekte auf Gesellschaften sowie der Einflüsse des Kolonialismus vor.[2]
So unterschiedlich die zwei Wissenschafter in ihrem Denken, Verhalten, Forschen und Vortragen auch sein mochten, geschichtliche Einflüsse wurden bei ihren Forschungen vollkommen außer Acht gelassen und die Gegenwart umso mehr beachtet. Trotzdem sind ihre Analysen nicht lückenlos bewiesen, sodass heute kaum noch funktionalistische durchgeführt werden. Meine Meinung ist es auch, dass man nicht von einer Gesellschaft auf eine schließen kann und auch nicht darf. Von bleibendem Wert aber sind die Kulturbeschreibungen und das Aufzeigen ihrer funktionierenden Ganzheit.[6e] Sein großartiges Wissen gab Malinowski seinen Schülern in der London School of Economics, Universiy of London, Cornell University, Harvard University und Yale University bis zu seinem Tode im Jahre 1942 weiter.[2] Radcliffe-Brown lehrte bis 1955 vor allem in Cape Town, Sydney, Chicago und Oxford, aber auch in anderen Universitäten in Großbritannien, Südafrika, Brasilien, China und Ägypten.[5]
Die Erben des kultur- und sozialanthropologischen Wissens sind u.a. Edward E. Evans Pritchard, Claude Lévi-Strauss, Victor Turner, Edmund Leach, Raymond Firth, Meyer Fortes [7], viele andere Wissenschafter – und wir Studenten.





QUELLENANGABE


[1] Vorlesung Gingrich, Andre; Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie; 23.11.05
[2] Internetseite vom 12.11.05: http://en.wikipedia.org/wiki/Bronislaw_Malinowski
[3] Vorlesung Six-Hohenbalken, Maria; Einführung in die Kultur- und Sozialanthropologie; 07.10.05
[4] Internetseite vom 19.11.05:
http://www.anthrobase.com/Dic/eng/pers/malinowski_bronislaw_k.htm
http://www.anthrobase.com/Dic/eng/pers/radcliffe-brown_alfred_r.htm
[5] Barnard, Alan „History and Theory in Anthropology”; 2000; vierte Auflage 2004; University Press, Cambrige
5a: 70ff
[6] Fischer, Hans / Beer, Bettina “Ethnologie. Einführung und Überblick.“; 1983; Neufassung fünfte Auflage 2003; Dietrich Reimer Verlag GmbH
6a: 75;
6b: 49ff
6c: 75/76
6d: 416/417/418
6e: 49
[7] Internetseite vom 12. und 19.11.05:
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/alfred_brown.html
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/bronislaw_malinowski.html


zusätzlich eingelesen in:

Eriksen, Thomas Hylland „Small Places, Large Issues“ An Introduction to Social and Cultural Anthropology; 1995; zweite Auflage 2001

Panoff, Michel / Perrin, Michel “Taschenwörterbuch der Ethnologie” Begriffe und Definitionen zur Einführung; 1973; dritte Auflage 2000

Internetseite vom 19.11.05:
http://www.lse.ac.uk/resources/LSEHistory/htm

Gingrich, Andre „Erkundungen“ Themen der ethnologischen Forschung; 1999; Kapitel 11

Barth, Frederik „One discipline, Four ways“ Kapitel 3 Malinowski and “Radcliffe-Brown, 1920-1945“

Sunday, November 13, 2005

hej

Saturday, November 12, 2005

gehts jetzt?

warum gehts denn einfach nicht?

Tuesday, November 08, 2005

ich probiers hiermit noch mal! TEST